Geschlechtergerechte Sprache

From Wikinfo

Jump to: navigation, search

Siehe auch: Geschlechtergerechte Sprache (Kritik)


Geschlechtergerechte Sprache, auch genannt geschlechtsneutrale Sprache, ist ein Produkt der feministischen Linguistik und nahm ihre Anfänge in den 1970er Jahren, insbesondere in den Werken von Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz. Hauptkritikpunkt dieser Feministen an der Sprache ist das generische Maskulinum, das als Einheitsform gebraucht wird und Frauen "lediglich mitmeint". Sie wollen Frauen möglichst überall gesondert anführen, unabhängig davon, ob die Bezeichnung "viele Lehrer" von der Mehrheit der Bevölkerung als rein männlich oder gemischt angesehen wird. Zwar bieten sich immer wieder Gelegenheiten, Frauen dann gesondert zu nennen, wenn sie von der Mehrheit der Leser und Hörer tatsächlich nicht inkludiert werden, die "geschlechtsneutrale Sprache" stellt aber den Anspruch, Frauen in jedem Falle extra zu nennen, unabhängig von den Geschlechtszuschreibungen der Leser und Hörer. Dabei wird die im Deutschen bestehende Unterscheidung zwischen Genus und Sexus ignoriert.

Contents

Anwendung

  • Doppelform: Lehrerinnen und Lehrer
  • Schrägstrich: Lehrer/innen
  • Klammer: Lehrer(innen)
  • Binnen-I: LehrerInnen - diese Form nennt man auch Binnenmajuskel
  • Partizip: Lehrende
  • Abstraktion: Lehrkörper

In feministischen Kreisen wird das Binnen-I bevorzugt, halboffizielle Seiten verwenden meist den Schrägstrich. Der Duden und die amtliche Rechtschreibung lehnen nur das Binnen-I ab. Neben Personalpronomen und Personenbezeichnungen werden auch die deklinierten Adjektive und Artikel doppelgeschlechtlich angeführt.

Sonderformen

(kleiner Auszug):

  • man/frau ; jedermann/jedefrau ; eineR; Mitglied/Mitklita ; Magister/Magistra ; Kaufmann/Kauffrau ; männliche/weibliche Lehrlinge ; 10 Opfer, darunter 6 Frauen

Politischer Grundsatz

Zwar gibt es in wenigen Bereichen die verstärkte Einheitsbezeichnung z. B. Studierende (obwohl dies streng sinngemäß die Studenten und Studentinnen nicht deckt. Das Partizip ist eine Tätigkeitsform, während das Substantiv eine Statusform ist. Nicht alle Studenten studieren momentan, nicht alle Studierenden sind Studenten oder Studentinnen); in der großen Mehrheit gibt es jedoch keine Einheitsform, sondern das strenge Doppelprinzip. Die feministische Literatur vermeidet Wörter wie Kinder, Eltern, Menschen und schreibt lieber von Mädchen/Buben, Mütter/Väter und Frauen/Männer. Frauen sind immer zuerst zu nennen.

Konkrete Anwendung

Beispiel 1 aus einem Protokoll des Basler Gesundheitsdepartements:

"Bereits die mildeste und häufigste Form der Trennung einer ‘Rolle des Verantwortungstragens’ (Arzt/Ärztin) von einer ‘Rolle des sich-Anvertrauens und sich-Unterordnens’ (Patient/in) reduziert die Eigenverantwortlichkeit, mit der der/die Patient/in Entscheidungen in Bezug auf seine/ihre Gesundheit trifft. Damit wird der/die ‘beratende Arzt/Ärztin’ zum/zur ‘entscheidenden Arzt/Ärztin’. In bestimmten Situationen haben Patient/in und Arzt/Ärztin natürlich keine andere Wahl (zum Beispiel bei einer Notfallbehandlung eines/ einer Bewusstlosen). Doch bereits die Entscheidung, ob ein vom/ von der Arzt/Ärztin empfohlener Wahleingriff durchgeführt werden soll, will der/die mündige Patient/in in seiner/ ihrer Eigenverantwortlichkeit selbst treffen. Demgegenüber nimmt der/die unmündige Patient/in seine/ihre Eigenverantwortlichkeit nicht wahr, ohne dass er/sie durch zwingende Gründe daran gehindert würde."

Beispiel 2: Bibel in gerechter Sprache.

In letzter Zeit wurde eine Bibelübersetzung unternommen, welche man, sofern man die hier schon beschriebenen feministische Terminologie verwenden möchte, als "geschlechtergerecht" bezeichnen könnte. Allerdings sprechen die Übersetzer diese Ausrichtung sehr allgemein von einer Bibel in "gerechter Sprache", was damit begründet wird, dass die neue Übersetzung auch anderen in anderen Bibelübersetzungen möglicherweise ausgeschlossenen oder diskriminierten Personengruppen oder Minderheiten gerecht wird.

Ungeklärtes

Während *Lehrer* durch den Zusatz *innen* leicht verweiblicht werden kann, ist dies bei vielen Formen gar nicht einfach. Um das Binnenmajuskel zu bemühen:

  • StudentEnInnen, Singular ÄrztIn, Plural ÄrztEInnen, ZauberErInnen wären die neutralen Doppelformen. Meist wählen Anwender der geschlechtsneutralen Sprache hier aber die praktisch rein weibliche Formen: StudentInnen, ÄrztIn, ÄrztInnen, ZauberInnen, die die männlichen Form nicht mehr enthalten.

Gleichbehandlungsgesetz

Das GlbhG folgt einer EU-Richtlinie und schreibt die Berufsbezeichnungen in Stelleninseraten "geschlechtsneutral" vor. Diese Verpflichtung zur Doppelform gilt ausdrücklich auch für neutrale englische Bezeichnungen wie *Controller*, der nunmehr auch *Controllerin* zu heißen hat. Allerdings ist die Variante "Controller (m/w)" erlaubt.

Quellen

  • Pusch, L. F. (Hrsg): Feminismus: Inspektion der Herrenkultur. Ein Handbuch. edition suhrkamp, 1983. ISBN 3518111922
  • Pusch, L. F: Das Deutsche als Männersprache. edition suhrkamp, 1984. ISBN 3518112171.
  • Trömel-Plötz, S.: Vatersprache, Mutterland – Beobachtungen zu Sprache und Politik. Frauenoffensive, 1992. ISBN 3881042113


Herkunft des Artikels

Personal tools